Wer einmal eine Reise tut, der kann was erleben

Es war noch früh am Tage, als ich mich auf meine Expeditionen in den Norden machte. Ich fühlte mich gewappnet und bereit diese Reise anzutreten, doch einige Stunden später würde ich zurückdenken mit der Gewissheit, dass man die Gefahr des Nordens nicht unterschätzen sollte.

Am Morgen des 31. März machte ich mich also auf den Weg. Proviant, die Reiseunterlagen, alles war bereit. Gemeinsam mit einigen anderen Mutigen erklomm ich die Stufen zu meinem Heimatbahnhof. Es war einer dieser Momente denen das Abenteuer inne wohnt. Die Menschen stahlten diese Vorfreude aus, die man nur kennt wenn man schon einmal an einer Expedition teilgenommen hat. Gewiss, es waren nicht nur Expeditionsteilnehmer vor Ort. Auch einige Domestiken, Arbeiter und ja, wohlmöglich auch der ein oder andere brave Beamte gesellte sich zu uns. Ob sie nur auf dem Weg zu ihrer Wirkstätte waren, oder aber sich im Glanze der Expedition sonnen wollten konnte ich von meiner Warte aus nicht erkennen.

Nach kurzer Zeit klopfte das Schicksal zum ersten male an die Tür. Ach hätte ich doch nur die Warnungen verstanden. Mit einem Knarzen machten sich die Lautsprecher der Bahnhofsanlage bemerkbar. Mit zitternder Stimme verkündete eine Dame aus der Leitstelle: “Information zu… RE 1… nach… Düsseldorf Hauptbahnhof… Fällt heute aus. Grund dafür sind Wetter bedingte Störungen.” Wie die Stimme Pandoras hallten ihre Worte durch den Bahnhof. Doch gleichsam den Altvordersten, bei denen die Mahnung die Büchse nicht zu öffnen ungehört verklang, ignorierten auch wir dieses Menetekel. Rasch riefen wir eine Tram herbei, die uns zwar mit Verspätung, aber dennoch sicher an den Bahnhof brachte. Zwar machte sich eine erste Unruhe breit, doch schaffte sie es sich hinter den Gefühlen zu verbergen, die jedem Beginn einer Reise inne wohnt.

Am Düsseldorfer Bahnhof angekommen erwartete uns die nächste Überraschung. Vor dem Reisezentrum, in dem freundliche Bahnbeamte suchten den Reisenden Auskunft zu erteilen, standen bereits Heerscharen von Reisenden, deren Bahn ebenfalls dem Wetter anheim gefallen war. Die Reihe der Wartenden mag wohl an die 100 Meter gemessen haben. Dennoch fühlten wir uns gewachsen dem Schicksal und damit auch dem Unwillen des Wetters zu trotzen. Hatte nicht der Mensch mit seiner Technik die Natur in ihre Schranken gewiesen? So war es denn auch einer dieser Bahnbeamten der unsere Hoffnungen bestärkte. “Wollnse nach Dortmund? Wennse 4 Leute sind jeb ich ihnen n Taxischein. Ab Dortmund jeht wigger allet.” Oh Ambrosia der Hoffnung. Schnell fand sich eine kleine Schar um mich mit denen gemeinsam ich mich anschickte eine Droschke zu nehmen.

Glücklicherweise waren wir die ersten in der Reihe wodurch es uns gelang die erste der Droschken zu der unseren zu machen. Am lenker dieser Droschke saß ein junger Osmane, der bereit war unsere Gruppe nach Dortmund zu fahren. Dem Wetter trotzend brachte dieser mutige junge Mann uns denn auch sicher an dieses Zwischenziel. Auch hier wurden wir, leichtgläubig und voller Hoffnung wie wir waren, wieder Opfer der Auskunft eines Bahnbeamten. “Nehmse den nächsten nach Münster. Ab da gehdet wieder.”
So stellten wir auch keine weiteren Fragen als wir nur 45 Minuten später in einen Zug stiegen, der uns nach Münster bringen sollte. In der Gewissheit, dass der Herr schon über uns wachen würde, machte sich eine gute Stimmung in unserem Gefährt breit. Kinder spielten in den Gängen, Menschen hielten Pläuschchen, oder vergnügten sich mit einem guten Buch. Nur wenige blickten aus den Fenstern. Und so hat es auch niemand kommen sehen.

Kurze hinter Werne brauste er. Der Eiskalte Hauch des Niklas. Wütend drückte er durch ritzend und Fugen. Mit all seiner Gewalt holte er tief und und blies so fest er konnte vor eine stolze Buche. Welch Schicksal für diesen stolzen Baum. Er leistete noch kurz Widerstand, doch dann musste er sich ergeben und fiel mit krachendem Bersten auf die Gleise, die unserem Zug als Schiene dienten. Lautes Kreischen von Metall riss uns jäh aus unseren Gesprächen. Rasch kam der Zug zum stehen und der Zugführer, noch ganz ausser sich vor Schrecken sprach zu uns: “Da liegt n Baum. Ich muss warten was die Leitstelle sagt.” Diese Leitstelle sagt wenig später, wir sollen zurück fahren nach Werne. Der geneigte Leser mag dieses Idyllische Dorf kaum kennen. Es sei nur so viel gesagt, dass auf dem Platz vor dem Bahn sehr wohl 4 Automobile der Gendarmerie standen, wohl aber keine einzige Droschke um die Reisen vom Bahnhof an andere Orte zu fahren.

Glücklicherweise waren einige Droschkenfahrer doch im Besitz eines Telefons. Uns mso eilten einige Droschken so schnell sie nur konnten herbei. Die Reisenden taten sich in Gruppen zusammen um gemeinsam doch noch das vermeintlich sichere Münster zu erreichen. Und waren alle noch die Worte des Beamten gut im Ohr: “Nehmse den nächsten nach Münster. Ab da gehdet wieder.”

Bereits 45 Minuten später saßen wir, nun in einer kleiner gewordenen Gruppe, in einer Drosche die uns die 40 Kilometer nach Münster fuhr. Währenddessen tobte um uns herum inzwischen Niklas in seinem grenzenlos scheinenden Zorne. Wir alle hofften das heilige Münster herbei wo wir die Wärme einen gespflegten Bahnhofs nutzen wollten um unsere weitere Reise zu planen. Was ein Schock, als wir sehen mussten, dass der Bahnhof in Münster dem Bauwahn verfallen war. Wir standen eng bei einander draussen im Sturm. Allein durch die Hoffnung angetrieben. “Nehmse den nächsten nach Münster. Ab da gehdet wieder.”

Und tatsächlich In Münster konnte wir nach der kurzen Wartezeit von einer Stunde einen Zug besteigen der uns nach Bremen bringen sollte. Es grenzte fast an Euphorie, als wir in den weichen Polstern eines ICE Platz nahmen. Ich schloss die Augen und dankte em Schöpfer, dass er ein Einsehen hatte. Doch ich hatte mich zu früh gefreut. Niklas war noch nicht am Ende. Es war in Osnabrück als wir die Nachricht bekamen, dass die Stürme des Niklas die Bahn nun endgültig an der Weiterfahrt hinderte. Die Natur hatte obsiegt. Die Hybris des Menschen mit ihren stählernen Zügen war ebenso zerstört wie die Bäume die Niklas wie Streichhölzer nieder gestreckt hatte.

Verzweiflung machte sich breit. Einige wurden bereits schwach vom Hunger. Kinder klammerten sich an die Röcke der Mütter. Greise schimpften, dass es soetwas früher nicht gegeben hätte.

Allein einer meiner Mitreisenden und ich fassten sich ein Herz und betraten unweit des Osnabrücker Bahnhofs das Heim des heiligen SIXTus. Wir erstanden für einige Stunden ein Automobil mit dem wir es dann doch noch an unser Zeil schafften. Wir groß war unsere Freude, als wir vollkommen erschöpft, aber Dankbar der Wut des Niklas entronnen zu sein ein Gasthaus betraten und unsere Zimmer beziehen konnten.

Diese Reise soll mir ab nun stets eine Mahnung sein. Ein Memento Mori. Ein Innehalten in der Hektik des Alltags. Wir Menschen mit all unserer Technik sind dennoch so hilflos, wenn der strenge Atem des Niklas durch die Lande pfeifft und die Welt in seinen Klauen hält. Und so singen denn auch jedes Jahr die Kinder:

“Morgen Kinder wirds was geben,
Morgen werden wirs bereun.
Welch ein Stürmen welch ein Beben,
In der Stube in der Scheun.
Schaut schon wird der grimme wach,
denn morgen da ist Niklas Tag.”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.