Männergrippen-Fail

Im Rahmen der momentan Grippewelle in NRW darf man in den sozialen Medien immer wieder lesen, “Ach der hat ne Männergrippe. Buhuhu. #mimimi”. “Männergrippe” bedeutet hier, dass jemand wegen einer kleinen Erkältung rum jammert und so tut, als müsse er sterben. Dafür wird das gerne verbreitete “Wissen” hergenommen, dass Männer einfach wehleidiger seien als Frauen und sich deswegen nur anstellen. Aber ist das wirklich so?

Es ist wohl immer noch so, dass leiden, oder auch Wehleidigkeit, als extrem unmännlich angesehen werden. Das bekommen natürlich auch schon die Kleinsten so beigebracht. Das berühmte “Indianer kennt keinen Schmerz” oder auch “Ach du bist ein großer Junge, da leidet man nicht so, sondern ist tapfer” hat leider verheerende Auswirkungen. Männer gehen 3 mal seltener zum Arzt als Frauen. Meist sogar erst wenn es so ernst ist, das eine Behandlung deutlich komplexer wird. Statistiken zeigen, dass die meisten Männer mit einer Grippe oder anderen Krankheiten weiter zur Arbeit gehen. Eine Folge zum einen davon, dass Männern unterschwellig unterstellt wird nur wehleidig zu sein, und zum anderen dass Mann definitiv um seinen Job fürchtet und schon mal in einer Rechtfertigungsschleife landet. Immer wieder gibt es sogar Fälle in denen Mann sich lieber mit Herzinfarkt zur Arbeit schleppt als “Schwäche” zugeben zu müssen.

Ich selbst bin Migränepatient seit ich 12 Jahre alt bin. Das erste mal ist das auf einer Geburtstagsfeier eines Freundes passiert, auf der ich spontan durch eine Migräneaura für 2 Stunden erblindet bin und den gesamten Kuchen in den Vorgarten erbrochen habe. Klar wurde das mit dem Erblinden nicht wirklich ernst genommen und das Erbrechen lag wohl am vielen durcheinander essen. Als sich die Schmerzattacken mehrten hat mir der Arzt Buscopan Schmerzsaft und Aspirin verschrieben und meinte nur: “Kopfschmerzen in er Pubertät gibt’s schon mal. Da muss man durch. Mach viel Sport.” Angefangen mich ernst zu nehmen hat er als meine Familie ihn dann bei einem meiner Anfälle gerufen hat und ich kreidebleich, schwitzend und nicht ansprechbar in der Ecke gehockt habe. Es geht an dieser Stelle natürlich nicht darum Mitleid zu heischen. Das hilft auch keinem. Aber es zeigt, dass Migräne bei einem Junge schlicht nicht ernst genommen und behandelt wurde. Allerdings ist es im Gegenteil sogar so, dass Jungs auch heute noch wegen Migräne ausgelacht werden. Nur eine kurze Internetrecherche hat mich auf viele Leidens-berichte geführt, in den Jungs im Netz Hilfe suchen, weil sie von ihrem Umfeld nur ausgelacht werden.

“Jungs haben doch keine Migräne”
“Bist du ein Mädchen oder was?”
“Wegen son bisschen Kopfschmerzen oder was?”
“Du hast doch bestimmt nur gesoffen!”
“Nimm halt ne Aspirin und hör auf zu jammern.”

So oder so ähnlich hat es jeder Migräne kranke Junge immer wieder zu hören bekommen. Besonders witzig ist es übrigens seinem Sportlehrer zu sagen man hätte einen Migräneanfall und wolle einfach nach Hause. “Neidisch weil die Mädels ihre Tage haben oder was?” War da meine Lieblingsantwort.

Das alles führt dazu, dass Jungs und später Männer über ihre Krankheiten schweigen und sich keine Hilfe suchen. Viele gehen eher krank zur Arbeit als sich den Spott reinziehen zu müssen. Jungs haben stark zu sein. Männer werden nicht krank. Außer sie brechen sich ein Bein oder hauen sich beim Kaminholz machen die Axt in den Fuß. Grippe ist nichts erstes und Migräne haben Frauen.

Richtig schlimm wird das Ganze allerdings wenn es zum Thema psychische Erkrankungen kommt. Jungs lernen es nicht über ihre Schwäche zu reden. Vielmehr werden sie sogar sanktioniert wenn sie es tun. Und so reden sie natürlich auch nicht über seelische Leiden. Prominenten Suizid-fälle lenken momentan ein wenig öffentliche Aufmerksamkeit auf dieses Thema, aber bei weitem nicht genug.

Die Zahl der Suizide ist bei Männern dreimal (!) so hoch wie bei Frauen. Mit einer der Gründe ist sicherlich auch, dass Männer sich vermehrt keine, oder erst viel zu spät Hilfe suchen.

Das Bild der Männergrippe, das immer stark zu seienden Mannes, des wehleidigen Jammerlappens schadet. Es Beleidigt, es verhindert effektive Hilfe und vor allen Dingen: Es greift direkt die Würde an. Es sagt: Dein Leiden ist weniger wert. Du bist weniger wert.

Das mag ja alles keine Absicht sein, aber das spielt für den Effekt keinerlei Rolle. Hört auf in Geschlechterklischees zu denken. Seid aufmerksam. Nehmt das leiden Eures Gegenübers Ernst.

Und Männer: Ihr müsst nicht immer stark sein. Auch ihr leidet von Zeit zu Zeit. Und das OK. Es macht euch nicht weniger Wertvoll. Holt euch Hilfe wenn ihr nicht mehr könnt. Und versucht nicht auf die Stimmen zu hören die euch sagen ihr wärt nur wehleidig. Ihr steckt in dieser Haut, nicht die. Ihr müsst mit euch selbst leben. Nicht die. Und nur ihr wisst wie es euch wirklich geht.

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